„Hilfe mein Kind spuckt im Auto“ – Was tun bei Reiseübelkeit?

Um Reboarder ranken sich viele Vorurteile, von denen wir einige bereits aufgeklärt und entkräftet haben. Ein häufig aufkommendes Thema, dem wir uns bisher nicht gewidmet haben ist das Erbrechen bzw. die Reiseübelkeit beim rückwärts fahren. Doch warum hält sich das Gerücht so hartnäckig, dass Kinder im Reboarder häufiger oder schneller übel wird? Vielleicht, weil es gefühlt tatsächlich häufiger ist – vielleicht aber auch, weil Eltern deren Kinder vorwärts fahren selten die Übelkeit auf die Blickrichtung schieben. Fährt ein Kind jedoch rückwärts ist oft schnell klar: hier muss die Fahrtrichtung schuld sein!

Mehr Ausblick = Mehr Eindrücke

Eine recht einfache Erklärung könnte das Blickfeld sein. Je nach Reboarder und Auto können Kinder hier einen 360 Grad-Blick haben. Nämlich ein großes Sichtfeld aus der Heckscheibe, den Blick aus beiden Seitenscheiben sowie über einen Spiegel nach vorne. Korrekt in einem Vorwärtssitz angeschnallt bleibt nur der Blick zu beiden Seiten, nach vorne sehen die Kinder den Vordersitz. Zur Veranschaulichung haben wir das mal aus der Sicht eines 3 Jährigen Kindes fotografieren lassen. Dieses große Blickfeld kann eine Ursache für Übelkeit sein. Wenn dem so ist, lässt sich dies aber sehr schnell und mit einfachsten Mitteln beheben, ohne die Sicherheit des Kindes im Auto zu mindern (siehe Tipps).

Sicht des Kindes im Vorwärtssitz
Sicht des Kindes im Vorwärtssitz
Sicht zum Seitenfenster
Sicht des Kindes zur Seite, hier unterscheidet sich die Aussicht je nach Fahrzeug nicht sehr.
Sicht im Reboarder durch die Heckscheibe
Freie Sicht zur Heckscheibe
Sicht im Reboarder mit Spiegel kann Ursache für die Reiseübelkeit sein
Erhöhtes Sichtfeld durch einen Spiegel – ein möglicher Grund für Übelkeit

Reiseübelkeit ist keine Frage der Fahrtrichtung

Wichtig ist aber zu wissen, dass die sog. Reisekrankheit (Kinestose, motion sickness) ihre Ursache nicht in der Fahrtrichtung hat. Sie entsteht durch unterschiedliche Sinneseindrücke, die das Gehirn nicht verarbeiten kann. So melden bei einer Autofahrt das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und das Auge Bewegung, der Körper befindet sich aber in Ruheposition und bewegt sich nicht. Dazu kommt, dass das Auge die vorüberziehenden Gegenstände nicht ausreichend schnell fixieren kann. Diese verschiedenen, augenscheinlich widersprüchlichen Informationen kann das Gehirn nicht schnell genug verarbeiten und interpretiert sie somit als Gefahr. Eine Reaktion darauf kann dann die Aktivierung des Brechzentrums sein. Am häufigsten von Reiseübelkeit betroffen sind Kinder zwischen 2 und 12 Jahren (vgl. Deutsche Apothekerzeitung https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2006/daz-23-2006/uid-16009). Einige Kinder reagieren auch nur in Wachstumsschüben sehr empfindlich beim Autofahren.

Tipps und Tricks gegen Reiseübelkeit

Wir haben eine lange Reihe von Tipps gesammelt, die Kindern mit Reisekrankheit helfen können. Hier muss man sich ggf. auch etwas durchtesten, nicht jedem Kind hilft alles gleichermaßen.

Helfer gegen Reiseübelkeit
Sammelsurium an kleinen Helfern gegen die Reiseübelkeit

Schlafenszeiten nutzen

Das Gleichgewichtsorgan ruht im Schlaf, somit kommt es gar nicht erst zu unterschiedlichen Sinneseindrücken. Längere Fahrten deswegen wenn möglich nachts oder z.B. in der Zeit des Mittagsschlafs einplanen.


Seitenscheiben abhängen, Spiegel demontieren

Ein Verringern der Sinneseindrücke kann bei einigen Kindern schon hilfreich sein. Sind die Seitenscheiben mit einem Mulltuch abgehängt und die Sicht nach vorne ist durch Entfernen des Spiegels nicht mehr möglich, bleibt dem Kind nur noch der Blick geradeaus aus der Heckscheibe. Hier entfernen sich die Gegenstände relativ langsam und der Horizont bleibt stabil. Vielen Kindern reicht dies schon, um sich besser zu fühlen.

Mit einem stabilen, da künstlich erzeugten, Horizont arbeiten auch neue Brillen, die Reiseübelkeit minimieren sollen, wie z.B. die Seetroën von Citroën. Der Hersteller empfiehlt die Nutzung allerdings erst ab 10 Jahre, wenn das Innenohr vollständig ausgebildet ist.


Essen / Trinken

Viele Kinder reagieren empfindlich, wenn sie vor der Fahrt (teilweise bis zu 2 Stunden vorher) Milchprodukte konsumiert haben. Andere Kinder wiederum reagieren auch auf Fruchtzucker, hier muss man sich etwas durchprobieren. Grundsätzlich gilt: leichte, fettarme Kost eignet sich vor Fahrtantritt am besten, ein leerer Magen schützt nicht vor Reiseübelkeit und Erbrechen.

Da auch dem (Kaugummi)kauen eine leicht antiemetische Wirkung zugeschrieben wird, ist dies auch ein Versuch wert. Älteren Kindern z.B. Kaugummi (zunächst erstmal ohne Wirkstoff) anbieten, oft hilft auch Gummibärchen kauen oder Traubenzuckerbonbons lutschen. Manchen Kindern tut es auch gut, etwas Trockenes in kleinen Happen zu essen (Brot, etc.) und in kleinen Schlucken zu trinken (Wasser, evtl. dünne Saftschorle).


Pausen machen!

Erste Anzeichen von Reiseübelkeit sind z.B. häufiges Gähnen (obwohl keine Schlafenszeit ist), allgemeines Unwohlsein, Blässe, häufiges Schlucken, etc. Oftmals kann man ein Erbrechen verhindern, wenn man sofort bei den ersten Anzeichen eine Pause einlegt, frische Luft schnappt und sich bewegt. Dabei tief durchatmen. Bei Übelkeit kann es helfen, sich flach auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen.


Temperatur und Kleidung

Angenehm ist Kleidung mit weichem Bund ohne Knöpfe. Dazu bitte im Auto nicht zu warm anziehen, eher kühler und lieber eine Kuscheldecke bereit legen. Auch die Temperatur im Auto, sofern über Klimaanlage regelbar, sollte kühl gehalten werden. Die Zufuhr von Frischluft über ein leicht geöffnetes Fenster kann ebenfalls angenehm sein.


Die richtige Beschäftigung während der Fahrt

Kinder, die an der Reisekrankheit leiden, sollten möglichst nicht Lesen, Spiele spielen (z.B. an einer Spielkonsole oder Reisebrettspiele), etc. Alles was mit nach unten schauen und konzentrieren verbunden ist, kann schnell zu Unwohlsein führen. Besser sind Hörspiele oder gemeinsame Reisespiele wie Autofarben zählen, Kennzeichen raten, etc.


Hausmittel, Akupressur, Homöopathie

Es gibt, je nach Alter des Kindes, verschiedene Möglichkeiten zu testen, bevor man auf Medikamente zurückgreift. Die Brille mit künstlichem Horizont wurde oben bereits als Beispiel genannt.

Weiterhin wird Ingwer eine antiemetische Wirkung zugeschrieben, es gibt diesen auch in Kapselform in der Apotheke, hierzu bitte beraten lassen.

Wer sich für Homöopathie interessiert, wird hier ebenfalls fündig. Hier werden verschiedene Produkte / Wirkstoffe angeboten (u.a. Nux Vomica, Coccolus, usw.) – hier lässt man sich am besten ebenfalls von einem erfahrenen Apotheker oder Heilpraktiker beraten.

Ein weiterer Tipp sind Akkupressurbänder, sog. Seabands. Man bekommt sie in Erwachsenen- sowie Kindergröße. Diese engen, elastischen Bänder mit einem festen Plastikknubbel innen werden bei den ersten Anzeichen von Übelkeit nach Anleitung am Handgelenk angelegt und üben Druck auf einen Akkupressurpunkt aus.


Der richtige Kindersitz

Die Wahl des richtigen Sitzes ist sehr wichtig – und dabei ist in diesem Fall ausnahmsweise mal nicht ausschließlich die Fahrtrichtung gemeint. Auch unter den Reboardern gibt es Sitze mit ganz unterschiedlicher Passform. Beim einen ist die Sitzschale etwas runder, beim anderen etwas weniger. Die Höhe des Gurtschlosses oder der Verlauf der Beckengurte ist bei jedem Kind und jedem Sitz leicht anders. Deswegen empfehlen wir hier immer die Beratung und das Probesitzen bei einem Reboard-Fachhändler (grüne Pins auf unserer Reboarder-Karte). Auch die Position des Sitzes – aufrechter, ruhender, mit mehr oder weniger Beinfreiheit kann Auswirkung haben.


Medikamente

Selbstverständlich gibt es verschiedene Medikamente gegen Reiseübelkeit. Die Einnahme solcher Medikamente sollte aber grundsätzlich und vor allem bei Kindern zunächst mit dem behandelnden Arzt abgesprochen werden, ggf. auch mit dem Apotheker.


Wenn nichts hilft…

In ganz seltenen Fällen helfen alle o.g. Tipps nicht – eine seltene Ursache hierfür kann das Auto selbst sein (Motorfrequenz, Geruch, Benziner oder Diesel, usw.) Das Auto zu ersetzen, ist allerdings wohl nicht immer praktikabel, aber der Hinweis soll trotzdem nicht vergessen sein. Wenn alle Tipps ins leere Laufen, bleibt nur eins: Immer etwas zum Auffangen im Auto griffbereit haben und hoffen, dass sich die Reisekrankheit mit dem Alter „auswächst“. Zu junge Kinder vorwärts drehen sollte keine oder die allerletzte Lösung sein, denn hier ist die Gefahr für schwere Verletzungen bei einem Unfall einfach zu hoch. Wenn der Leidensdruck zu groß wird empfiehlt sich wenigstens ein Modell zu wählen, dass sowohl vorwärts als auch rückwärts genutzt werden kann. So kann man immer mal wieder testen, ob die Übelkeit nicht doch nur eine zeitweise auftretende Erscheinung ist. Reboard-Eltern müssen zumindest keine Sorge haben, das Erbrochene im Nacken zu haben.

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